Handpan spielen ist „instant meditation“

Handpan zu spielen bedeutet für mich Loslassen und ganz im Moment aufgehen. Ich bewundere das vollendete Design dieses Instruments (vor allem dem PANArt Hang, die Mutter aller Handpans sowie gleichzeitig sozusagen das „Stiefkind“ der karibischen Steelpan). Bei diesen Instrumenten gibt es noch richtig was zu entdecken. Es gibt meiner bescheidenen Meinung nach keine Anleitung, kein richtig oder falsch (je nachdem wie man es betrachten möchte: siehe dazu z.B. das umfangreiche „Hanglexikon„), und es gibt vielleicht auch keinen Grund für die Tätigkeit selbst. Der Sinn liegt für mich im Erforschen, Eintauchen, Fluss erleben, neugierig sein, zuhören, mit sich selbst in Verbindung treten.

Es eignet sich denke ich insbesondere ganz wunderbar für alle jene, die dummerweise an so einen Glaubenssatz festhalten, der ungefähr so lautet: „Ich kann nicht musizieren“, „Ich bin unmusikalisch“ usw. Beim vierhändigen Spiel auf einem Instrument, sage ich das auch oft zu meinem vermeintlich „unmusikalischen“ Gegenüber: „Hör einfach nicht auf“. Beim gemeinsamen Spiel mit Menschen, die das Instrument das erste Mal entdecken, gibt es oft so einen Moment: wenn wir beide in den Klang hineingefallen sind und vielleicht auch mit geschlossenen Augen spielen – und irgendwann sehe ich bei einem Blinzeln, dass es geglückt ist und die Person wie in Trance gefallen ist und wie von der Musik und den Schwingungen getragen wird. Es ist eben wirklich ein sehr schwingendes und intuitives Instrument. Wenn man das zulässt, ist es wahnsinnig meditativ.

Rhythmen und Grooves sind dabei, wie auch etwa die Obertöne oder das Spiel mit der im Instrument innewohnenden „Helmholtz Resonanz“, einfach Vehikel mit denen man reisen kann- bestimmte Grooves oder Takte haben vielleicht verschiedene Wirkungen und es macht manchen Menschen besonderen Spaß diese am Handpan zu erforschen. Aber spannender als das „sture“ üben von Rhythmen finde ich die Auseinandersetzung mit dem was gerade da ist – und gerade aus vermeintlichen „Fehlern“ kann man soviel neues und schönes zaubern.

 

Don’ t beat the pan, play it! 

Die inneren Melodien finden ihren Weg manchmal vom Kopf und manchmal vom Herz in die Hände und schließlich in den ganzen Körper. Wenn der Moment erreicht ist, wo der Spiel-Fluss voll einsetzt, sind die Gedanken glasklar oder ganz weg. Unglaubliche musikalische Facetten ergeben sich und Klangräume tun sich auf, manch einer staunt dann über die eigene Versatilität, – man kann sich auch darin verlieren.

Aber bei diesen unterschiedlichen langen Klängen, die das Instrument hervorzubringen vermag, ist es auch oft gerade das Leise werden oder das Aufhören, der Nachklang, der Hall, das Verklingen und die Pause danach genauso – auf die es mir bei meinem Spiel ankommt. „Erzwingen“ kann man bzw. ich so schöne musikalische Kaskaden und Zustände auch ganz einfach nicht (ich vor allem nicht, wenn etwa ein Mikrofon in der Nähe ist).

So divers wie die Menschen, die sie spielen oder bauen, so sind auch diese Instrumente sehr individuell in ihrer Machart, ihrer Stimmung, der Klangfarbe, ihrer Wirkung.

Das Herauslocken der dahinschwebenden Töne (Schwingungsmodi) aus dem Stahl-Blech mit dem Hammer ist eine große Herausforderung, die Fähigkeit wird über jahrelanges Praktizieren erworben. Sind die Töne einmal im Blech kann ein Spieler sie mit geringsten Berührungen zum Leben erwecken und ihnen Groove oder vielleicht auch eine Erzählung einhauchen.

 

Mein musikalischer Background

Ich spiele übrigens leidenschaftlich Gitarre seit dem 12ten Lebensjahr und habe die Musik immer als eine seelische Zuflucht empfunden – und so sehr ich es genossen habe auch eigene Kompostionen zu schreiben, so sehr ist mir immer an der freien Improvisation mit offenen Stimmungen -im kleinem Rahmen- gelegen. Seit 2016 erlerne ich hauptsächlich autodidaktisch die musiktheoretischen Grundlagen, die ich in meinem früheren Leben so inbrünstig verweigert hatte. Heute stellen sich für mich viele Fragen, die mit der Entwicklung des Handpans und der Ausrichtung dieser Arbeit für die Zukunft zu tun haben….

 

Pans: wissenschaftlich, spirituell, politisch

Als Anthropologin bemerke ich, dass die Handpan gleichsam wie ein UFO über dem Boden schwebt und es vielleicht auch da und dort mehr sichtbares ‚Embedment‘ nicht schaden würde- in bestehende Kunstrichtungen oder Strukturen, der Geschichte (Steelpan, Gamelan, Hang, Glocken, Klangschalen etc.), Kunstrichtungen (etwa „Bauhaus“) oder zahlreiche zeitgenössische Strömungen, z.B. DIY und FABLABs aber auch die vielen Nachhaltigkeitsbewegungen, die in ihrem Kampf um die Rettung des Ökosystems durchaus wirkkräftige  Unterstützung seitens der Kunst gut gebrauchen könnten.

Durch StraßenmusikerInnen und virale Videos im Internet – und die von Verlagshäusern sowieso mehr befreite Musikkonsumkultur – ist eine neue Musikrichtung mit Handpans dabei sich zu entwickeln, die nebstbei auch eigene Notationen und eigene Subkulturen hervorbringt oder sich eben mit bestehenden Subkulturen vereinigt. Das politische Potential, das dem Stahlklang innewohnt ist dabei möglicherweise noch recht wenig erkannt worden, aber es ist zweifellos – durch die Geschichte der Steelpan – bereits mit in das Handpan symbolisch eingeschrieben und wartet darauf sich weiter zu entfalten.

 

Quintenphysik

Früher bewegte mich beim Tunen die Frage nach dem Rätsel der Harmonie und der Obertöne, dann der Quinte und dieser Polarität von Quinte und Oktave, oder auch dieser Trinität gemeinsam mit Fundamental-Ton und der Grundspannung des Membrans- und vielleicht war es diese Mystik des zu stimmenden Tonfeldes, die mich faszinierte. Oder auch die Frage was zwischen den Nodallinien passiert und die Frage warum wir die Komponenten im rechten Winkel ‚einspannen‘- und warum sie im Kern nicht schwingen. Dann beschäftigte mich mehr die Frage: Was resoniert da in sich? Was geht in der ‚Kammer‘ vor, was verbirgt sich in der Helmholtz Resonanz… Oder mehr noch die Frage: was schwingt da eigentlich in mir?

In den letzten zwei Jahren las ich viele Bücher über Wissenschaftsgeschichte und Quantenphysik und ich komme nicht umhin zu bemerken, dass es immer schon oder bzw. seit der Romantik insbesondere, die Kunst war, die versuchte und auch versuchen muss, dass vermittelbar zu machen was in der Sprache der Mathematik und Physik entdeckt worden ist und was dem Großteil der Menschen vorenthalten bleibt. Als zentrale Erkenntnisse der Quantenphysik seien hier nur die Unbestimmtheit, die Unvorhersagbarkeit und die Unentscheidbarkeit genannt, also drei Kategorien, die beim Stimmen von Blech eine Rolle spielen, was jeder, der es schon versucht hat, nachvollziehen können wird und zwar vermutlich auch dann, wenn man nicht Quantenphysik studiert hat.

Meine These ist, dass die Pan uns nicht nur beim Musizieren sondern gerade in der Herstellung eine Chance bietet die Erkenntnisse der Quantenphysik nachvollziehbar zu machen, am eigenen Körper. Ich möchte daher nicht nur den Begriff KlangschmiedIn für diesen Beruf vorschlagen, sondern auch den humorvollen Begriff QuintenphysikerIn. Hier kommen Physik und Kunst auf eine – für mich ansonsten beispiellos- schöne und auch sozusagen kompromisslose Weise zusammen, und zwar durch knallharte Hammerschläge, die unter einer hohen kognitiven und physikalischen Anstrengung sowie zartestem Fingerspitzengefühl erfolgen müssen. Die Intuition spielt eine große Rolle, ja, aber damit allein ist das Problem beim Blech-Stimmen vermutlich nicht lösbar.

Die Quint gibt uns letztlich Aufschluss über eine objektive Wirklichkeit und zwar jenseits einer dualen und von schier unüberbrückbaren Gegensätzen gesteuerten Welt. Die Blechstimmkunst ist aus meiner Sicht nicht nur ein revolutionäres neues Kunsthandwerk, das über Trinidad/Tobago und die Schweiz nach Europa, Amerika und China kam (wo heute bereits viele Maker zu finden sind), sondern auch eine Erinnerung an das Schöne in seinen Details und in seiner Gesamtheit, also jenen Zustand den diejenigen suchen, die auf einer Erleuchtungsmission sind.  Letztere sollten unbedingt nebst den philosophischen Weltreisen auch einmal die Physik – am besten gleich mit dem Hammer- überprüfen. Man wird staunen was man in sich selbst findet.

(Autorin: Birgit Pestal, revidierter und ergänzter Text von 2016)

Beim Tunen geht es gleichzeitig um Gestalten und ums Entstehen lassen. Als Handpanmaker können wir die Materie nur so bewegen, dass die Schwingung in Erscheinung tritt- aber wir können nicht die Schwingung ‚machen‘ (nach den Worten von Matthieu von Shellopan). Mit dem Kunsthandwerk des Stahlstimmes haben wir denke ich eine Möglichkeit mehrdimensionales Denken in jeglicher Hinsicht anzuregen. Es ist als müsste man zwei Rubikwürfel gleichzeitig auflösen (Analogie von Daniel Berger von Deepan). Gleichzeitig ist es skulpturale Arbeit mit dem Hammer und es ist nur ein Werkstück, das verzeiht keine Fehler.

Faszination Blechstimmen

Als ich das erste mal Gelegenheit hatte alleine Zeit mit so einem Instrument zu verbringen, konnte ich stundenlang nicht davon lassen. Im Zuge der beginnenden Euphorie stellte sich bald eine Gewissheit ein: die Faszination ist viel zu stark, sowas hatte ich überhaupt noch nie erlebt. Mir war schnell klar: Das geht jetzt nicht nur mir so. Niemals aber hätte ich zu träumen gewagt, dass ich so ein Instrument selbst herstellen könnte. Vielleicht einmal im Leben mit viel Glück. (Aber ja- So kam es dann tatsächlich und die Reise geht immer weiter….)

Heute, im Jahr 2019 stelle ich selbst Blechklangskulpturen her (bisher schon 60 Instrumente, unterteilt in mehrere künstlerische Phasen /Serien). Und die Empfindung der Faszination ist immer noch so stark, wenn nicht stärker und erreicht auch oft ein Niveau, wo – nicht nur mir, sondern auch meinen Kollegen- die Worte fehlen um es Außenstehenden zu beschreiben. Zumal wir alle denke ich sehr glücklich sind,  dass wir u.a. das Privileg genießen, eine Form zu produzieren, die in höchstem Maße für sich selbst zu sprechen vermag. Aber nicht nur, dass uns oft die Worte fehlen, Worte scheinen eben auch gar nicht zu reichen. Hinzukommt, dass wir als Kunsthandwerker eine ganz besondere Erfahrung machen, die leider so vielen modernen Menschen versagt bleibt: nämlich von Anfang bis Ende an einem Werkstück zu arbeiten und auch bei dessen Vollendung dabei zu sein.

Wir sind zudem Schmiede, ein immer schon ‚besonderer‘ Beruf (in den meisten Kulturen tabu für Frauen allerdings) und dann auch noch Instrumentebauer, die mit dem Hammer und dem Stahl arbeiten. Es sind in meiner Arbeit außerdem nicht irgendwelche Obertöne oder irgendwelche Klänge die eingearbeitet werden, wir orientieren uns an der natürlichen Obertonreihe, also genau dem was etwa auch die menschliche Stimme hervorbringt.