Blech-Stimmkunst


Über das Kunsthandwerk

„Die Quint und der gute Ton“

Quintenmagie

„Die Menschen wollen das Leben enträsteln, aber erst das Geheimnis macht das Leben schön und lebenswert.“ (Alfred Kubin)

Es wohnt ein kleines Geheimnis im Herz dieser Instrumente- und vielleicht wäre es auch besser es genau dabei zu belassen und keine Worte darüber zu verlieren. Die Klangskulptur spricht ja für sich selbst und die SpielerInnen können es intuitiv selbst je nach Laune enträtseln. Manch einer will es aber unbedingt genauer wissen, in dem Fall dürfen Sie getrost weiterlesen.

Warum berühren uns diese Instrumente so tief? Möglicherweise hat es mit der Magie der Quinte zu tun. Die Quinte, also im engeren Sinne der fünfte Ton einer Tonleiter, eröffnet das Feld für fast jede Melodie, Komposition oder auch Improvisation. Wir finden diese Grundstruktur immer und immer wieder- egal welche Musikrichtung wir erforschen. In diesem Spannungsfeld entstehen Melodien, die uns zu berühren vermögen. Die Quinte macht die Tonik (Grundton) quasi vollständig, sie rundet sie ab, sie macht neugierig auf mehr und sie ist wie ein roter Teppich oder ein Silbertablett für alle Töne, die in einer Melodie folgen. Gleichzeitig ist die Quinte auch zentraler Bestandteil der natürlichen Obertonreihe, wenn man einen einzelnen Ton unterm Mikroskop ansieht. In beiderlei Hinsicht spielt die Quinte beim Handpanbau eine ganz zentrale Rolle.

 

Die Quint vom D ist bekanntlich ein A und folgt in dieser hexatonischen Moll-Skala direkt auf den Grundton. Siehe auch: Quintenzirkel

Handpan – Skalen mit Quintensprung

Bei vielen Handpan Stimmungen ist der erste Ton nach der zentralen Note die Quint dieses Tons. Hat man viele Stimmungen ausprobiert, wird man zum Beispiel auch feststellen, welche ganz eigene Magie etwa davon ausgeht, wenn eine Stimmung als zweiten Ton die Quart des Grundtons aufweist, was viel seltener vorkommt (Die Quinte gilt übrigens als das Komplementärintervall zur Quarte). Versucht man etwas über die Wirkungen von Quart und Quint herauszufinden – ohne gleich ein umfangreiches musiktheoretisches Studium zu betreiben- wir man aber vielleicht leider darüber enttäuscht sein, wie wenig konsequente Forschung es über die Wirkung von musikalischen Skalen und Intervallen überhaupt gibt, und das obwohl Musik und die Wirkung von Musik ganz offensichtlich in seiner Bedeutung für die Menschheit kaum überschätzt werden kann.

Man verliert schnell den Überblick angesichts zahlreicher esoterischer Strömungen, Pseudowissenschaft und verschütterter echter empirischer Forschung. Besonders wenn man konkret noch das indische, persische oder chinesische Musik-System unter die Lupe nimmt, wird es so richtig verwirrend – und unsere europäische Musiktheorie an sich ist ja schon kompliziert genug. Unterm Strich erscheint die Quinte allerdings immer als ein wunderbarer Ausgangspunkt für ein tieferes Verständnis.

Auffällig: Viele Menschen diskutieren, wenn es um die Wirkung von Klang geht, über die Frequzenzzahl als Ausgangsbasis für eine Stimmung (zum Beispiel Kammerton A auf 440hz oder etwa 432hz)- aber hat diese Diskussion überhaupt das Wesentliche erfasst? Ist es nicht die Magie der in sich harmonischen Intervalle, also in erster Linie die der Quinte, die unser tiefes Erlebnis ausmacht – und somit wesentlich ist?

Ein Tonfeld auf einer Handpan – mit Quint und Oktave Achse

Bei z.B. einer Gitarre, einer Geige oder einem Klavier bestimmt (neben dem Resonanzkörper) v.a. die Spannung der Saite die Obertöne eines Klanges. Die Quint (in der Obertonreihe) eines Tones kommt dann ganz natürlich in Erscheinung, wenn die Spannung passt. Auf dem Stimmgerät wird zum Beispiel ein harmonisches A angezeigt – und fertig. Alle Obertöne, die in dem A natürlicherweise durch die Obertonreihe enthalten sind, so auch der erste nach der Tonik (bzw. der Oktave), also die Quinte, passen.  Beim Handpan muss man deutlich mehr Aufwand betreiben um eine singende Obertonreihe zu erhalten, die Obertöne (englisch: partials, harmonics) müssen einzeln und doch gleichzeitig eingearbeitet werden. Die Quint soll bzw. „will“ dabei auf der kurzen Achse des eliptischen Tonfeldes „wohnen“ und die Oktave im rechten Winkel auf der langen Achse.

Beim Stimmen eines Tonfeldes auf einer Handpan muss die Arbeit analog mit dem Hammer erledigt werden, das bedeutet die Quint muss so in das Material eingearbeitet werden, dass sie frei schwingen kann- und ohne dass sie benachbarte oder ‚verwandte‘ Felder „ansteckt“. Die Schwingung wird also in Erscheinung treten, wenn das Material richtig gelockert, gestaucht und gedehnt wurde und – soweit wir das im PAN LAB sagen können- die Begrenzung der Note scharf genug ist, jedoch nicht zu scharf.

Jede/r TunerIn findet einen eigenen Weg und Werkzeuge ein optimales Spannungsverhältnis im Membran eines Tonfeldes zu erzeugen. Die Grenzen (Borders) etwa sehen bei jedem Handpan-Hersteller leicht verschieden aus und es werden auch von den verschiedenen HerstellerInnen keine einheitlichen Standards für die Größen der Tonfelder verwendet. Im PAN LAB wurden etwa jeweils verschiedene Ratios in den unterschiedlichen Handpan Serien verwendet und – somit auch ausprobiert und verfeinert. Die von Birgit entwickelte Methode etwa, hat viel damit zu tun, diese Grenzen zu machen, zu öffnen und wieder zu machen.

 

Membranstudien 1 und 2, 2019,  Birgit Pestal  

In diesem Videoauschnitt werden die Quinten (die kurzen Achsen der elliptischen Tonfelder) und die Oktave (lange Achse) seperat angespielt und so hörbar gemacht – es ist vergleichbar mit dem Flageolet bei der Gitarre

Man könnte sagen: Die Geheimnisse der Blechstimmkunst schützen sich selbst. Jemand, der es erleben will, muss einen harten Weg beschreiten, viele Fehler verkraften und „Nerven aus Stahl“ entwickeln. Als Blechstimmer wollen wir ein tiefes Verständnis für das Material entwickeln und eine Art Röntgenblick entwickeln um die Prinzipien zu entdecken, die das Membran in harmonische Schwingung versetzen, also das, was nicht oder kaum sichtbar sondern letztlich nur hörbar und spürbar ist. Und egal, wieviel man theoretisch darüber liest, die praktische Erfahrung ist der Schlüssel zu diesem Verständnis.

Scherzhaft sprechen wir im PAN LAB daher auch über das „Dritte Ohr“ oder das „fünfte Auge“ („the fifth eye“). Der Tuner arbeitet – so behauptet zumindest Tunerin Birgit Pestal in ihrem kleinen Aufsatz über Kunst- „hyperrealistisch“ und doch „impressionistisch“, denn er/sie versucht den flüchtigen Eindruck, den er/sie von einer Note hat, in das Blech einzuarbeiten. Die Obertonreihe ist allerdings unendlich, wir können also Perfektion nur anstreben, aber nicht erreichen.

 

„The Fitfh Eye“, Acryl, Birgit Pestal , 2020

Aus der Galerie: „Signatur der Skalen“, Birgit Pestal 2019

Mehr profunde musiktheoretische Info erwünscht?

In diesem Video erklärt Bernstein das Wichtigste am Klavier- in nur wenigen Minuten (englisch).